Auf verlorenem Posten – Olaf Scholz ist der erste Verlierer des SPD-Castings

Auf verlorenem Posten – Olaf Scholz ist der erste Verlierer des SPD-Castings
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„Tja …“, sagt der Olaf Scholz. Und macht dann eine so lange Pause, dass seine einminütige Redezeit fast schon um ist. Dann verweist er noch schnell auf das „Allzeit-Hoch bei den Investitionen“, das er derzeit als Bundesfinanzminister zu verantworten habe. Das geht dann aber unter. Auch beim Thema „Schwarze Null“ kann der Bundesfinanzminister also nicht punkten in Hannover, der zweiten Station des SPD-Vorsitzenden-Kandidaten-Castings. Der Favorit tut sich schwer. Alle Favoriten tun sich schwer.

Das liegt auch am Format dieser Tour, bei dem diejenigen, die nichts zu verlieren und zu verantworten haben, fröhlich auftrumpfen können mit Forderungen nach mehr sozialer Gerechtigkeit, weniger Kinder-Armut, einer Bürgerversicherung für alle oder einem noch höheren Mindestlohn als Olaf Scholz ihn ohnehin schon vorgeschlagen hat.

Das liegt in Hannover aber vor allem an Christina Kampmann, 39, und Michael Roth, 49. Der Staatsminister im Auswärtigen Amt und die frühere NRW-Familienministerin beherrschen die Bühne des hiesigen Tagungszentrums so souverän und optimistisch und gelaunt, dass alle anderen Kandidaten, ob sie nun Scholz heißen oder Norbert Walter Borjans, Petra Köpping oder Karl Lauterbach ziemlich uralt aussehen. Egal, was sie im Einzelnen gerade sagen.

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Kampmann/Roth, die als erste Kandidatur für das Amt der Parteivorsitzenden bekannt gegeben hatten und beim Tour-Auftakt in Saarbrücken noch nicht besonders aufgefallen waren, rocken dagegen mit jedem ihrer Beiträge die nicht gerade für übertriebene Emotionalität bekannten niedersächsischen Sozialdemokraten. „Unsere Antwort auf Trump sind die Vereinigten Staaten von Europa“, ruft Roth zum Abschluss einer von Optimismus und Zukunftsgewissheit, Begeisterung und sozialen Wohltaten geprägten Vorstellungsrede. Wenn die Hannoveraner Rheinländer wären, hätten sie in diesem Moment vermutlich auf den Tischen gestanden.

Scholz als Vertreter des Partei-Establishments

Sie hören dann natürlich trotzdem auch Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius zu. Der hat hier eigentlich Heimspiel, hält sich dann aber doch sehr zurück, obwohl er zunächst verspricht, sich für seine Partei „zerreißen“ zu wollen. Davon ist in Hannover nicht so viel zu spüren. Pistorius, der Innenpolitiker, punktet zwar ein wenig mit dem Versprechen außenpolitisch wieder „Brücken bauen“ zu wollen gerade zu Rußland. Unter dem Strich aber bleiben der frühere Oberbürgermeister von Osnabrück und seine sächsische Partnerin Petra Köpping an diesem Abend ebenso blass wie Scholz und seine Mitkandidatin Klara Geywitz.

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Letztere waren ja zunächst als Favoriten in das Rennen um den SPD-Vorsitz gegangen. Scholz quasi als eine Art offizieller Vertreter des Partei-Establishments. Geywitz als schlagfertige, auch Kampfeslustige Gefährtin aus dem Osten. In einer Forsa-Umfrage nur unter Sozialdemokraten hatten  26 Prozent der Befragten das Duo Scholz/Geywitz als neue Parteivorsitzende favorisiert. Es war der mit Abstand beste Wert vor den Duos Scheer/Lauterbach, Schwan/Stegner und Köpping/Pistorius. Kampmann/Roth lagen in dieser Umfrage mit lediglich sieben Prozent abgeschlagen hinten.

In Hannover drehen sie dieses Ergebnis vorläufig komplett. Das zeigt nicht nur der stetig stärkere Applaus für die beiden Newcomer aus NRW und Hessen, deren forscher, auch fotogener Auftritt ein wenig an Robert Habeck und Annalena Baerbock erinnert. „Sie sind so jung und dynamisch aufgetreten“, fasst eine Sozialdemokratin das Geschehen in Hannover zusammen, sie frage sich, ob die beiden nicht genau das seien, „was wir jetzt brauchen“. Am Ende des Abends, Roth reißt Kampmanns Arm in die Höhe, werden die beiden jedenfalls wie die großen Sieger zumindest dieses Abends gefeiert.

„Olaf, du bist bekennender GroKo-Fan“

Für Olaf Scholz gibt es solche Bestätigung nicht. Nicht in in Saarbrücken, bei der Premiere der SPD-Casting-Show, und auch nicht in Hannover. An den Vize-Kanzler richten sich auch in Niedersachsen die eher unangenehmeren Publikumsfragen. „Olaf, du bist bekennender GroKo-Fan – warum sollen die GroKo-Gegner dich wählen?“ Er sei doch Generalsekretär gewesen und Arbeitsminister und Hamburger Bürgermeister – „warum hast du es bisher nicht geschafft, die SPD zu retten?“ Wie er denn dazu komme, hatte ein Genosse den Vizekanzler in Saarbrücken gefragt, sich als Teil der Lösung zu empfinden, wo er doch Teil des Problems sei?

Scholz ist in solchen Momenten schnell in der Defensive. Er zählt dann auf, was er schon alles geleistet hat in seinen Zeiten als Arbeitsminister, als Vizekanzler, als Hamburger Bürgermeister vor allem. Der Wohnungsbau, der Mindestlohn, seine größten Erfolge. Bei 29 Prozent habe er die SPD damals an der Elbe als Vorsitzender übernommen, bei der nächsten Wahl seien es dann 48 Prozent gewesen. Vergleichbares wolle er jetzt, auf Bundesebene, erneut schaffen. Der Applaus bleibt dennoch knapp.

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Dabei kämpft Olaf Scholz, der sich lange Zeit nicht sicher war, inzwischen tatsächlich um den SPD-Vorsitz. Versucht es mit Emotionalität, mit dem Verweis auf sein sozialdemokratisches Herz. Ist auch jenseits der 23 Regionalversammlungen, die die SPD den Kandidaten für den Vorsitz auferlegt hat, nahezu omnipräsent. Gibt Interviews, stellt mit Blick auf den bevorstehenden Klima-Gipfel der Bundesregierung schlagzeilenträchtige Forderungen auf, tritt in Maybritt Illners Talk-Show als sozialdemokratischer Gegenspieler von CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer auf und lässt hinter den Kulissen der Berliner Politik jeden wissen, dass er natürlich in der Lage sei, die SPD aus ihrer tiefen Krise herauszuführen, sie wieder kanzlerfähig zu machen, selbst kanzlerfähig zu sein.

Ob er das eines fernen Tages tatsächlich noch unter Beweis stellen darf, ist in Saarbrücken und Hannover jedenfalls nicht wahrscheinlicher geworden.

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